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Milarepa (2004 - 2006)

Milarepa (2004 - 2006)

English introduction to the Milarepa series can be found in italics after the German version.

Einleitung

Die Kunstgeschichte zeigt, dass Künstler die biblische Geschichte immer in der Landschaft darstellten, die ihnen vertraut war. Die Italiener zeigten Jesus vor einer toskanische Hügellandschaft, die flämischen Meister malten die Madonna mit Kind vor der niederländischen Szenerie. Diese Tradition hat Hans Diebschlag in seinem Bilderzyklus zur Lebensgeschichte des Milarepa fortgeführt. Er zeigt die Geschichte unter alten Eiben der englischen Landschaft. Diese Art der Darstellung betont die Universalität des Themas, das seine Bedeutung in der Suche nach persönlicher Freiheit durch geistige Aufklärung findet.

Der indische Heilige Neem Karoli regt die Lektüre der Lebensläufe der Weisen Männer Indiens an, um  Inspiration für das eigene Leben zu gewinnen. Bei einem zufälligem Treffen des Künstlers Hans Diebschlag und dem Komponisten Param Vir  kam das Gespräch auf die legendäre Lebensgeschichte des Milarepa, dem Tibetanischen Dichter, Yogi und Heiligen des 11ten Jahrhunderts. Hans Diebschlag erinnerte sich, dass er 1968 durch die Lektüre des Lama Anagarika Govinda: „Der Weg der weißen Wolken“, von dem berühmten Milarepa gehört hatte. In dieser Lektüre erzählt der in Deutschland geborene Govinda von seiner Pilgerfahrt im Jahre 1948 durch Tibet und seiner Initiation in die tibetische Gelugpa Sekte.

Die Idee des „Geistes in der Landschaft“ entwickelte sich während einer Unterhaltung mit dem Musiker Robin Williamson. Damit ist die Poesie einer Landschaft gemeint, wie sie schon seit dem 16. Jahrhundert in der englischen Dichtung erzählt wird. Auf der Suche nach diesem „Geist in der Landschaft“ stieß Hans Diebschlag auf die Eiben Groß Britanniens, oft uralte Bäume an Orten mit spiritueller Vergangenheit. Im Jahre 2004, nach seinem ersten Besuch der Eibe in Crowhurst, Surrey, die auf einem Friedhof steht, begann er, sich künstlerisch mit diesen Bäumen auseinanderzusetzen.

Hans Diebschlag verwebt in seinen vielschichtigen Gemälden die Lebensgeschichte des Milarepa Asiens mit der Mythologie der Eiben Groß-Britanniens, womit er bildlich und gedanklich eine Synthese der unterschiedlichen Glauben in der Entmaterialisierung von Mensch und Natur ermöglicht.

Die Lebensgeschichte des Milarepa ist zeitlos und nicht an einen bestimmten Ort gebunden, wie das Leben vieler Männer und Frauen zeugt, die den Weg zur Vergeistigung gegangen sind - sei es in Europa oder Asien. Interessant ist es, weil diese Menschen eine dauernde Entmaterialisierung vollziehen. Sie machen nicht nur ihren Kopf völlig frei, sondern entledigen sich auch jedweder Habe. Milarepa ist am Ende mit einem Baumwolltuch bekleidet und trägt die in seinem nun schon vor langer Zeit zerbrochenen Tontopf eingetrockneten Brennnesseln als Schale mit sich.
Die Eiben in der englischen Landschaft vergeistigen sich in der Serie parallel zur Lebensgeschichte Milarepas bis dieser Baum am Ende der Serie zum reinen philosophischen-psychologischen Gedanken wird. Völlig seiner Materie
entkleidet, beginnen Baum und Landschaft den Geisteszustand  Milarepas zu reflektieren. Je mehr Milarepa die Verbundenheit mit der Welt fühlt, umso mehr wird die Eibe zum „Lebensbaum“, der Himmel und Erde durchdringt, bis hin zum „Baum des Lebens im See des höchsten Bewusstseins“. Siehe hierzu das letzte Bild der Serie.

Die hier gezeigte Serie von 12 Öl/Tempera Bildern wurde im Jahr  2004 begonnen  und  zwei Jahre danach im Nehru Center (kultureller Zweig der indischen Botschaft in London) zum 2250igsten Tag der Erleuchtung des Buddha von John Clarke (Kurator des Victoria und Albert Museums, Abteilung Tibet), eingeweiht.

Milarepa

Milarepa, der tibetanisch buddhistische Dichter des elften Jahrhunderts, Heiliger und Yogi, hat eine authentische Lebensgeschichte, die seine Schüler aufgeschrieben haben. Bis heute wird sie in tibetischen Schulen unterrichtet. Milarepa war ein großer Asket und Lehrer; er ist Tibets größter Dichter. Seine Lieder sind insbesondere durch ihre Spontaneität und Originalität berühmt und populär. In die Weltliteratur gingen sie als sehr frühe Naturgedichte ein.

Milarepa wurde im Dorf von Kya Ngatsa in Westtibet 1052 geboren. Sein frühes Leben war das eines reichen Sohnes, der aber mit Mutter und Schwester nach dem Tod des Vaters von seinen Verwandten, die das Erbe an sich rissen, versklavt wurde. Als Jugendlicher lernte er die schwarze Magie und benutzte sie, um sich und seine Familie zu rächen. Er beschwörte ein Unwetter über sein Dorf, das großen Schaden anrichtete und in dem viele Bewohner um ihr Leben kamen. Bald jedoch bereute er seine Tat, da er verstanden hatte, dass dem Schlechten das Schlechte folgt ( Prinzip des „Karma“). So geht er  auf die Suche nach einem buddhistischen Lehrer, der ihn von seiner Vergangenheit befreien kann. Nach langem Suchen findet er Marpa, der den Beinamen „der Übersetzer“ trägt. Er nimmt sich seiner an. Milarepa muss sich nun großer Härten aussetzen, um die Lehren des Marpa zu erlangen, was nach langen Jahren harter Arbeit geschieht. Als Einsiedler in verschiedenen Höhlen wird er zum Asketen und durch die Praxis der Meditation erreicht er schließlich den Zustand des völligen Einsseins, das in der Einsiedelei  „Pferdezahn/Weißer Fels“ genannt wird. Er setzt auch danach seine strikten Meditationspraktiken fort und wird selbst ein berühmter Lehrer mit vielen Schülern, die seine Praktiken und seine Lehre bis zum heutigen Tag fortsetzen. Im Jahre 1135 wird Milarepa - 84jährig - von einem eifersüchtigen Lama vergiftet und stirbt.

Milarepa gehörte dem buddhistischen Kargyütpa Orden an, dessen Hauptinteresse in der Praxis der Meditation und der daraus resultierenden geistigen Erkenntnisse liegt, nicht aber in einem Buchwissens oder in Diskussionen über spirituelle Themen. Folglich leben die Schüler über lange Perioden in Höhlen oder Einsiedeleien und praktizieren die Anweisungen Ihrer Lehrer. Aber sie studieren nicht jahrelang die religiöse Literatur, Geschichte oder Philosophie wie andere tibetisch-buddhistische Strömungen so beispielsweise die Gelugpas, zu denen auch der Dalai Lama gehört.

Die Eiben

Die englische Eibe, Taxus baccata, ist eine der ältesten Baumsorten der Erde, die schon die letzte Eiszeit überlebte. Eine Speerspitze, die bei Clacton, Essex, gefunden wurde, gehört zu den ältesten hölzernen Werkzeugen, die in England gefunden wurden. Man schätzt es auf ein Alter von 150.000 Jahre v. C..

Eiben gehören zu den ältesten lebenden Organismen der Erde, die über außergewöhnliche Fähigkeiten zur Regeneration verfügen. Darin liegt der Grund, dass der Baum schon so lange als heilig, also als Lebensbaum an sich und mit dem Gedanken des „ewigen Lebens“ gesehen wurde. Viele Eiben sind jetzt 2.000 und mehr Jahre alt. Sie standen schon lange vor den Kirchen und Friedhöfen, die um sie herum gebaut wurden. Die christlichen Kirchen wurden bewusst auf schon existierende heilige Plätze gestellt, um die neue Religion leichter einzuführen.

Auf unserer  Suche nach Photos als Vorlage für die Bilderserie fanden wir einige Eibenhaine, die an die kreisförmige Anlage von Stonehenge erinnern, ein heidnisches Denkmal, das heute eine christliche Kirche umgibt. Die besondere Atmosphäre der Plätze mit diesen uralten Bäumen lässt das Gefühl aufkommen, den „Geist in der Landschaft“ unmittelbar zu erleben.

Throughout history artists have presented religious stories in landscapes familiar to them and not to the stories. The Renaissance Italians showed Christ in the Tuscan hills and the Flemish Masters gave us Madonna and Child against a backdrop of northern European townscapes. Continuing in this tradition Hans Diebschlag portrays episodes from the life story of Milarepa amongst ancient British yew trees. 

Milarepa, the 11th century Tibetan Buddhist poet, saint and yogi, has an authenticated life story that was recorded by one of his disciples and is taught to this day.

Some of the British yews, taxus baccata, are among the oldest living organisms on earth and have extraordinary powers of regeneration which is certainly one reason why the tree has long been regarded as sacred.







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